Donnerstag, 4. September 2014

Schulanfang in Israel und eigene Erinnerungen

B"H

Als im September Geborene wurde ich erst zu Ostern 1961 eingeschult. Man nahm  damals noch keine Rücksicht auf die Schulreife, einzig das Geburtsdatum war maßgeblich.

Und so stand ich irgendwann im April des Jahres 1961 auf dem asphaltierten Boden unserer Terrasse meinem Vater Modell für das klassische Einschulungsbild. Die obligatorische Schultüte fest an mich gedrückt, auf dem Rücken den Schulranzen. Und das Gesicht in misstrauische Falten gelegt.

Das Bild ist nicht mehr vorhanden, aber so ähnlich habe ich es in Erinnerung

Erster Schultag zu Beginn der 60er Jahre


Wir waren 72 (!) in der Klasse, saßen an 5-eckigen Tischen unserer modernen Schule und waren der Klassenlehrerin, Fräulein Dibbelt, für das kommende Schuljahr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Vorne neben dem Pult hingen zwei Rollwände, auf der einen waren die „normalen“ Buchstaben abgebildet, die Schrift, die wir als erste erlernten, daneben die Sütterlin Schrift, die altdeutsche. Die ermöglichte es mir, nachdem ich sie irgendwann auch, wenn nicht schreiben, dann zumindest lesen konnte, die Briefe meiner Großmutter, geboren im Jahr 1891, zu lesen. Und ich konnte damit die Karl May Bücher meines Großvaters lesen.




Ob ich mir jemals so brave Schüler gewünscht hätte? Ich glaube es nicht. Es gab ein Bild, es muss aus der vierten Klasse der Grundschule gewesen sein, auf dem wir an unseren Tischen sitzen und brav die rechte Hand hochheben, als wüssten wir alle die Antwort auf eine vom Fotografen gestellte Frage.

Das erste Jahr verlief relativ ruhig, wir lernten mit Hilfe von Rechenstäbchen das kleine und das große 1 x 1, wir malten Schwäne, als wir die Zahl „Zwei“ lernten, wir ließen die Zeit der Schiefertafel, samt Griffel und Schwamm hinter uns, und begannen auf Papier zu schreiben. Die Vorweihnachtszeit begann und die Zeit des ersten „großen“ Diktates rückte näher. Diktiert wurden Worte wie Gehirnerschütterung, Pellkartoffel und Nikolaus.

Und genau beim Nikolaus brach mein Bleistift ab. Der Rest des Diktates geriet zum nicht mehr lesbaren Gekrakel.

Die Arbeit wurde als na ja, gerade noch ausreichend bewertet, aber immerhin hatte Fräulein Dibbelt soviel pädagogisches Verständnis, dass sie bei den Eltern, und die sich wieder bei mir schlau machten, was denn da wohl passiert sei.

Es gab eine doppelte pädagogische Ermahnung.

Die der Lehrerin und die der Eltern. Wie schön wäre es gewesen, wenn die Eltern kompromisslos hinter mir gestanden wären. Aber, das war eben noch nicht die Pädagogik des  Jahres 1961. Ich hätte mir den Zugang gewünscht, den Reinhard Mey erleben durfte.




Unsere Schulzeit verlief ruhig, nur dreimal wurden wir in den Ausnahmezustand versetzt, einmal, als im Oktober 1962 die Kubakrise  die Welt durcheinanderrüttelte und ein zweites Mal, als im Mai 1973 der Besuch von LeonidIljitsch Breschnew in Deutschland für Unruhe sorgte. Und natürlich, als die Ölkrise uns 1973 nicht nur die autofreien Sonntage bescherte, sondern auch das, was in Österreich zutreffend als „Energieferien“ bekannt wurde, eine Woche schulfrei zum Semesterwechsel. 

Autofreie Autobahn 1973

Später „durften“ wir, nachdem wir den Sprung von der Volksschule zum Gym geschafft hatten jeden Tag „Il Silenzio“ hören, gespielt zur Wasserorgel des Westfalenparks (Teil der Bundesgartenschau 1969) Dortmund. Der Park lag unmittelbar neben der Schule und ein nicht bekanntes Loch im Zaun ermöglichte uns den kostenlosen Zutritt und eine unauffällige, meist vorzeitige Entfernung von der Schule...

Vor wenigen Tagen haben unsere Kids ihren Schulbesuch wieder aufgenommen.  Die Eltern im Süden, zumindest die, die in ihren Häusern geblieben sind und hoffen, dass die Feuerpause wirklich hält, haben natürlich Angst. Nicht nur die Kindergärten und Vorschulen befinden sich meist innerhalb des Kibbuzgeländes, auch die Grundschulen, sehr oft besser, als die staatlichen Schulen, werden meist vom Kibbuz selbst angeboten. Nur zu den weiterführenden Schulen werden die Kids mit den knallgelben Schulbussen gebracht, sie sind oft zentralisiert in größeren Siedlungen. Obwohl die Regierung versprochen hat, für die Sicherheit der Region rund um Gaza zu sorgen, hat sie damit begonnen, die Soldaten, die noch vor Ort waren, abzuziehen. Die Kibbuzim und Siedlungen sind damit wieder, wie bis zum Frühsommer, möglichen Angriffen durch die Hamas und ihre Komplizen hilflos ausgeliefert. Die Bewohner verstehen es einfach nicht, warum sie nun wieder ohne Schutz gelassen werden. Da helfen auch Beschwichtigungen seitens der IDF wenig, dass eine ausreichende Zahl von Soldaten vor Ort sei, um die Sicherheit zu gewährlisten, zu stark ist das Trauma der letzten Monate und der letzten Jahre.

Verwaister IDF Posten an einem Kibbuzeingang


Während unsere Einwohner im Süden also ganz, ganz weg sind von einem Hauch der Normalität, bemühen sich Politiker aller Parteien, wie in jedem Jahr, aber heuer eben ein wenig verstärkt, eine goodwill Tour durch das ganze Land zu starten. Am Montag waren sie überall zu finden, unser PM, unser Präsident, Minister aller Parteien.

Sie besuchten landauf, landab Schulen, ließen sich geduldig mit Taferlklasslern abbilden und fanden mehr oder weniger kindgerechte Worte, um den Tag entsprechend zu würdigen.

Präsident Rivlin, bekennender liebevoller Großvater, dessen Enkelsohn Shai in die erste Klasse aufgenommen wurde, schrieb an ihn und seine Klasse einen sehr persönlichen Brief: 

„An meinen lieben Enkelsohn Shai und an die Kinder von Israel. Der Moment ist da: euer Schuljahr beginnt, euer Rucksack ist schon voll mit Heften und dem Federmäppli. Mit dieser Tasche, voll mit Schulutensilien geht ihr, zusammen mit euren Müttern zur Schule. Willkommen in der ersten Klasse.

Die letzten Sommerferien waren ein wenig anders, einige der Aktivitäten der Sommer Camps wurden abgesagt. Ihr wart ständig bereit und aufmerksam. So wie die Erwachsenen wusstet ihr genau, wann ihr in den Bunker rennen musstet.

Und jetzt ist der größte aller Tage für euch da, der für euch einen neuen Anfang darstellt. Heute geht ihr zu Schule, trefft dort alte und neue Freunde und wendet euch der hoffentlich erfolgreichen Routine des Studierens zu.

In einem Jahr werdet ihr lesen können. Die ganz Welt wird sich vor euch öffnen. Ihr könnt Alice in ihr Wunderland folgen und Harry Potter nach Hogwarts. Eure Fragen werden tiefgründiger und umfassender sein, als jemals zuvor. Ihr werdet die Welt weiter und weiter entdecken. Ihr werdet in der Schule wichtige Dinge lernen: Hebräisch, Rechnen, Geschichte und Bibelstudien. Aber das Wichtigste von allem was ihr lernen werdet, wird die Liebe zum Wissen sein, und die Bedeutung von starken Freundschaften und engen Freunden.

Ich weiß, dass ihr Geschichten liebt, also werde ich euch eine erzählen. Von allen Schuljahren, die ich durchlaufen habe, erinnere ich mich besonders an das Jahr 1951. Es war ein sehr harter Winter, es gab ungewöhnlich starke Schneefälle und wir waren einer unglaublichen Kälte ausgesetzt.

Israel Winter 1951



Damals lebten Neueinwanderer in Zelten und zugigen Hütten, sie waren der Kälte und den Elementen völlig ausgesetzt. Die Jemenitischen Einwanderer, die gerade mit der Operation „Fliegender Teppich“ angekommen waren, hatten es besonders schwer und die bereits länger im Land lebenden Familien wurden gebeten, jemenitische Kinder bei sich aufzunehmen. Eines der Kinder kam zu uns. Sein Name war Salem, ein stolzer und gescheiter Bub, aufmerksam und höflich. Salem konnte flüssig lesen, gleichgültig, wie das Buch vor ihm lag <diese Fähigkeit erlernen Schüler von Religionsschulen, wenn sie mit bis zu vier Personen um ein Buch stehen und es gemeinsam lesen und diskutieren> Er kannte die gesamte Thora mit allen ihren Büchern und Ergänzungen auswendig.

Aber Salem konnte unsere Alltagsschrift nicht lesen, weil die Juden im Jemen sie nicht kannten. Und auch im Rechnen war er nicht so gut. Salem dachte nicht im Traum daran, aufzugeben. Ich erinnere mich daran, wie er stur da saß, um seine Schrift und seine Rechenkünste zu verbessern, systematisch und hart daran arbeitend. Meine Brüder und ich haben ihm dabei geholfen, während er jede Gelegenheit, draußen zu spielen zu Gunsten des Lernens vernachlässigte. Ich erinnere mich daran, wie beeindruckt ich von seiner Ernsthaftigkeit war. Besonders, weil er ein Kind war.

Salem wurde in meinen Augen zu einem Symbol für Fleiß, Hingabe und Bestimmung. Ein Symbol, ein gewähltes Ziel zu verfolgen und zu erreichen. Ein Symbol für eine gute und starke Freundschaft.

Heute heißt Salem Shalom Cohen. Er ist ein enger und lieber Freund, der in Schlüsselpositionen des Staates Israel gedient hat.

In diesen Momenten, wenn ihr das erste Mal auf dem Weg zur Schule seid, erinnert euch daran, dass ihr Hindernisse bewältigen könnt, Erfolg haben könnt, dass ihr immer ein offenes Herz für neue Freunde haben sollt und hungrig sein sollt für mehr und mehr Wissen

Viel Glück – und dann wieder ganz persönlich an seinen Enkel Shai -  von deinem Großvater, der dich sehr liebt.

Der "offizielle" Fotograf des Präsidenten


Doch das neue Schuljahr beginnt nicht nur mit positiven Gefühlen. Nach einem Sommer, der nur wenige echte Ferientage mit sich brachte, regt sich der Elternprotest. Er richtet sich einerseits gegen die, in ihren Augen unzureichende Sicherheitslage, aber auch gegen die aktuelle vor Ort Situation in den Klassen. Wenn  ich hier davon berichte, dass in Österreich die maximale Zahl pro Klasse 30 Schüler nicht übersteigen darf, dass es Klassentrennungen in zwei Gruppen in jenen Fächern gibt, in denen der Lernerfolg bei der Maximalzahl nicht mehr gewährleistet ist, dann stoße ich auf Unglauben. Hier sind Klassenzahlen mit mehr als 40 Schülern der Regelfall. Wenn es ganz, ganz gut geht, dann wird zusätzlich ein „Hilfslehrer“ zum „Hauptlehrer“ eingeteilt, der in einzelnen Stunden eine schriftliche Einzelarbeit, natürlich im selben Raum, überwacht, während der eigentliche Unterricht gleichzeitig weitergeht. Man spricht vom „Ölsardinenzustand“. Erziehungsminister Shai Piron versuchte zu erklären: "Wir befinden uns in einer Zeit nach einem Krieg, und jeder Krieg kostet Geld – und wir müssen uns solidarisch zeigen. In den kommenden Tagen werden wir versuchen, einen Weg zu finden, so dass keiner der zentralen Inhalte betroffen sein wird.“  

Daran wird sich wohl in diesem Schuljahr kaum etwas ändern lassen, denn auf Grund der Operation „Fels in der Brandung“ wurden kurzerhand 100 Millionen EURO aus dem Etat des Bildungsministeriums zu Gunsten des Verteidigungsministeriums gekürzt.

Welch starken Einfluss die Operation auf den Beginn des neuen Schuljahres hatte, zeigt, dass die Curricula kurzfristig geändert wurden. Während der ersten zwei Wochen, und falls es notwendig sein sollte, auch darüber hinaus, werden jeweils in der ersten und in der letzten Unterrichtsstunde gemeinsam mit Lehrern, Schülern und Schulpsychologen Wege gesucht werden, um die persönliche Belastbarkeit der Schüler wieder zu stärken.

In diesen Einheiten sollen die Schüler ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen reflektieren.

Der Satz „Rückkehr zur Normalität“, mantramässig immer wieder formuliert, hat viele Fcaetten, für die Kinder im Süden bedeutet er: „Wir wollen die Normalität, aber wir wollen auch unsere Ferien.“ Das ist die Definition der jüngeren Schüler.

Die älteren bestätigen überwiegend, dass die sich am „normalsten“ und sichersten in ihren Schulen fühlen, was nachvollziehbar ist, wenn man in Betracht zieht, dass sie, die den Sommer über mehr oder weniger daheim verbringen mussten, nun dort wieder zusammen mit ihren Freunden sind.

Mor Baum, eine Neulehrerin, die gerade ihre Ausbildung am Erziehungskolleg der Kibbutzbewegung absolviert hat, hat am Montag ihre erste Stelle als Lehrerin begonnen. Sie ist aufgeregt und unsicher, wie es ihr ergehen wird. „Ich habe Angst. Ich werde alles sehr vorsichtig und langsam angehen. Ich bin keine Heldin, und ich weiß nicht in jeder Situation, was zu tun ist. Aber ich werde meine Schüler nach ihren Empfindungen fragen und versuchen, gemeinsam mit ihnen ihre Erlebnisse und Traumata zu bearbeiten. Lehrerin zu werden war mein Traum und ist es immer noch. Ich hoffe, dass ich neue Gedanken einbringen kann und ich hoffe, dass ich jeden Morgen aufwache und mich daran erinnere, warum ich mich entschlossen habe, diesen Weg zu gegen, auch wenn es derzeit sehr, sehr schwer ist.“

Während im WJL die Schulen bereits am vergangenen Samstag den normalen Unterricht aufgenommen haben, wurde im Gazastreifen der Schulbeginn um 14 Tage auf den 14. September verschoben.

Das Curriculum wurde neu formuliert, um dem verspäteten Beginn des Schuljahres gerecht zu werden und den Schülern den Einstieg zu erleichtern. Das Erziehungsministerium hat aus dem Budget Gelder freigestellt, um eine begrenzte Zahl von Schülern mit den notwendigen Dingen für einen Schulbesuch auszustatten.

Die Lehrer wurden in Workshops darauf vorbereitet,  gemeinsam mit den Kindern an den kriegsbedingten psychischen Störungen arbeiten zu können.

Zwei Schulen in Gaza dienen nach wie vor als Auffanglager für Flüchtlinge.

Schulbeginn in Gaza heißt im Jahr 2014 Schulbeginn im Chaos. Bevor der Unterricht wieder in halbwegs normalen Formen stattfinden kann, müssen, wo immer möglich, Schäden an den Gebäuden ausgebessert, oder Provisorien gefunden werden. Es besteht überall die Möglichkeit, auf Blindgänger zu treffen, die gefunden und entschärft werden müssen, bevor man das Gelände wieder freigeben kann.

Ahmed al-Fassis beschreibt seine Gefühle: „Ich bin so traurig, weil ich Freunde und Klassenkameraden verloren habe. Und ich bin traurig über die ganze Zerstörung.“

Er glaubt daran, was man ihm erzählt hat, dass wir absichtlich die Schulen zerstört hätten,  damit sie, die Kinder und Jugendlichen in Gaza keine Bildung erhalten können. Ihr Leben würde dann eines in Armut sein.

Ahmed ist heute 14, in seinem Kopf hat sich das Bild „Israel ist unser Feind“ eingegraben. In ein, zwei Jahren spätestens ist er alt genug, als Kämpfer der Hamas, des Islamic Jihad, oder der ISIS Terror gegen Israel auszuüben. Die Verbrechen an den eigenen Kindern gehen weiter. 

Ein Teil des heurigen versteckten Curriculums im WJL ist es, Schüler zu überzeugen, keine israelischen Produkte mehr zu kaufen, sondern sich auf die heimischen Produkte zu konzentrieren. Die These heißt: „Esst, was wir anbauen und tragt, was wir produzieren.“

Der Direktor einer privaten Schule im WJL sagt, dass kein Kind bestraft würde, wenn es ein israelisches Produkt in die Schule mitbringen würde. Die Kinder würden das mehr und mehr unter sicher ausmachen und ihre neuen Erkenntnisse auch in die Familien tragen. Aus den Mensen und Cafeterien der Schulen sind jedenfalls alle israelischen Produkte entfernt worden.

Offiziell weist das Erziehungsministerium jede Unterstützung und Zusammenarbeit mit der BDS Bewegung zurück, aus den Büros dort kommen  allerdings ganz andere Töne. Mustafa Barghouti, der Gründer von BDS gibt zu, Schüler ganz gezielt für ihre anti-israelische Kampagne zu benutzen.  

Azmi Abd al-Rahman, Sprecher des Palästinensischen Wirtschaftsministeriums träumt davon, 70.000 bis 100.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen, wenn der Boykott israelischer Produkte vollständig eingehalten würde.

Nun ja, wenn sie das konsequent durchziehen wollen, dann werden die Palästinenser sich selber konsequent in die nicht nur technologische Steinzeit zurückbefördern

Eine kleine Auswahl der boykottierten Firmen


Zum Abschluss ein Video, wie in Zichron Ya,acov der erste Schultag begangen wurde. Danke Patricia, Eli, Odelia, Laure und Chloe für dieses private Video!….das sich leider nicht "teilen" lässt, aber hier ist der Link


Donnerstag, 28. August 2014

Solange ich mich erinnern kann, bin ich mehr im Bewusstsein meiner Pflichten aufgewachsen, als im Wohlgefühl meiner Rechte

ב"ה

Mit diesem Portrait habe ich meine Ausbildung zur Journalistin (FJS) abgeschlossen. Ich möchte mich bei Ori und seiner Familie ganz herzlich für seine Geduld und Zeit bedanken, die sie mir geschenkt haben! Ein Teil der Gespräche fand statt, während Be'er Sheva schon unter Beschuss der Hamas kam.


Ori Friedland, geboren am 19. Mai 1988 in Haifa (Israel), begrüßt mit diesen Worten im Campus der Ben Gurion Universität in Be`er Sheva die Freunde der Universität. Er studiert im zweiten Semester Jüdische Philosophie und Geschichte. Seit einem Unfall vor acht Jahren ist Ori Paraleptiker. 

Ori bei seiner Rede anlässlich des Treffens der Freunde der Universität

Erlebt man Ori auf dieser Bühne, spürt man, das ist es, was er sich für sein Leben wünscht: eine Aufgabe fern vom Schreibtisch und direkt bei den Menschen.

Ab dem sechsten Halswirbel abwärts ist er gelähmt. Seine Bewegungen sind sparsam. Manchmal verkrampfen sich die meist bewegungslosen Hände. Sie drücken aber, zusammen mit den Armen, Gefühle aus. Ori beherrscht alle Spielarten vom formalen Händedruck über den freundschaftlichen „high five“, bis zur liebevollen Umarmung. Alle angepasst an seine Möglichkeiten. Alle ein bisschen anders.

Spricht er vor einem größeren Publikum, locker und selbstbewusst, kann man sich kaum vorstellen, dass Ori zu jenen Kindern gehörte, die erst sehr spät zu sprechen begannen. 

Paula, seine Mutter erzählt von ihren Bemühungen, mit den Kindern alles richtig zu machen: „Jonathan und ich haben mit ihnen nur Englisch gesprochen. Wir sind davon ausgegangen, dass sie Ivrith im Kindergarten von allein lernen. Aber Ori war anders. Wollte er etwas tun, hielt ihn nichts auf, wollte er etwas nicht, konnte er durch nichts dazu bewegt werden. Aber wir haben uns doch Sorgen gemacht, als er mit drei Jahren immer noch stumm war. Plötzlich kam uns die Idee, die Sprache zu wechseln. Und was geschah? Zwei Tage später sprach Ori fast fließend. Hörte er uns Englisch sprechen, hielt er sich die Ohren zu und schrie.“

Als „Sabres“ – Kaktusfeigen - bezeichnen sich die in Israel Geborenen, außen stachelig, innen süß. Ein bisschen trifft das auch auf Ori zu. Man muss ihn im Kreis seiner Freunde, Studienkollegen und seiner Familie treffen, um ihn besser kennenzulernen.

Bei unseren ersten Treffen empfand ich Unsicherheit, wie ich mit seiner Behinderung umgehen sollte. Musste ich besonders rücksichtsvoll sein? Durfte ich ungefragt helfen?

Ich erlebte Ori, wie er schimpfte und wütend die Arme hochriss, als ihm der Deckel der Wasserflasche aus der Hand gefallen war  oder das Handy im Rucksack lag, der hinten am Rollstuhl hing, und der Lift nicht einwandfrei funktionierte – jene kurzen Momente, in denen er die Wut über seine Hilflosigkeit offen zulässt, das Gesicht sich verzerrt und sein Körper von Krämpfen geplagt wird.

Aber ich durfte auch beobachten, ganz anders, wie der Familienhund Sina es superlustig fand, mit der extralangen Leine seine Kreise rund um den Rollstuhl zu ziehen, um dann hechelnd da zu stehen und das Desaster zu betrachten. Panik? Unsicherheit? Ach was, einfach die Leine lösen! Der Rest ergab sich von selbst. Die Leine rollte sich automatisch auf und der Hund trabte zufrieden neben dem Rollstuhl her nach Hause. 

Beides, seine spürbare Wut und sein herzliches Lachen machen es mir einfach, hinzuschauen und das zu tun, was ich sonst auch tue: helfen.

Vor Kurzem hat Ori seine Tauchprüfung bestanden. In Eilat am Roten Meer machte Ori seine ersten Tauchgänge und beschreibt seine Erfahrung: „Schwimmen habe ich schon während meiner Reha-Zeit wiedererlernt. Aber das hier ist etwas ganz Neues. Die Bewegung unter Wasser gibt mir eine neue Freiheit. Ich kann mich nicht so schnell wie andere bewegen, bin aber genau so sicher. Nur, dass man einen Tauchanzug tragen muss, ist ärgerlich. Ich brauche ewig lang, um ihn anzuziehen, er ist so schrecklich eng!“

Tauchen in Eilat


Kurz vor der Tauchprüfung erzählte mir Oris Vater, dass Paula ihren Sohn gebeten hatte, ihr erst nach der Prüfung davon zu erzählen. Ich frage Ori, ob es damit eine besondere Bewandtnis hat. Ori lacht und bestätigt: „Ja, das war bei uns schon immer so. Unsere Eltern haben, solange ich mich erinnern kann, immer volles Vertrauen in uns gehabt. Sie waren überzeugt, dass wir selber unsere Grenzen kennen. Meine Mutter hat irgendwann damit begonnen zu sagen: „Mach, was für dich richtig ist, aber sag es mir erst, wenn es vorbei ist.“ 

Aufgewachsen ist Ori in einem, wie er es nennt, „typischen Masorti-Haus“. Masorti steht für traditionelles, konservatives, nicht ultraorthodoxes Judentum. 

Der alte Rabbiner hat in mehreren Kriegen mitgekämpft

„Meine Familie ist strikt jüdisch und zionistisch. Dieser Hintergrund hat meine Identität nachhaltig geprägt. In der Schule habe ich einige Probleme damit gehabt. Meine Klassenkameraden gingen am Freitagabend zu Partys, ich war daheim. Mir war es als Kind, aber auch später als Teenager wichtig, den Schabbat mit der Familie zu verbringen: gemeinsam zu essen, uns zu unterhalten, Zeit füreinander zu haben. An diesen Abenden habe ich viel von den Eltern gelernt. Sie haben uns Geschwistern selten direkte Vorschriften gemacht, sondern haben uns vermittelt, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen, jeder auf seine Art, so wie er es kann. 

Mir wurde früh bewusst, dass ich in der Armee dienen würde. Auch in der Gemeinde hat sich immer etwas gefunden, um ein wenig zurückzugeben, von dem Vielen, das ich erhalten habe. Die Rechte, die ich als Bürger jederzeit in Anspruch nehmen kann, waren für mich immer wie eine bequeme Couch, auf der ich mich unverdienterweise ausruhen konnte. Ich sehe das Leben aber als einen Prozess von Geben und Nehmen.“

Mit zehn Jahren beginnt Ori Saxofon zu spielen; er besucht die REUT Junior Highschool for Arts in Haifa und ist bis zu seinem Unfall aktives Mitglied des Jugendorchesters. Heute kann er nicht mehr Saxofon spielen. Will er selber musizieren, was er leidenschaftlich gerne tut, spielt er auf seiner Mundharmonika, die er ständig mit sich herumträgt und die er gut beherrscht! Überhaupt die Musik! Nimmt am Freitagabend oder an einem Feiertag die gesamte Familie in der Synagoge an einem Gottesdienst teil, so kann man einen eigenständigen gemischten Chor hören. Nicht immer fehlerfrei, aber voller Begeisterung singend. 

Ich war im vergangenen Jahr an Simchat Thora in seiner Gemeinde dabei. Die ganze Familie sowie einige seiner Freunde waren dort. An diesem Feiertag wird das Lesen der Thorarolle beendet und neu begonnen. Alle vorhandenen Rollen werden in einer fröhlichen Prozession tanzend durch die Synagoge getragen. Ori wurde, eine Thorarolle im Arm, von seinem ältesten Neffen (10) gefahren, während der jüngere Neffe (2) Fähnchen schwenkend und vor Freude quietschend auf seinen Knien saß.

Oris große Liebe ist die Natur. Er entdeckte sie gemeinsam mit seinen Eltern schon sehr früh. „Ich war noch ganz klein, der Jüngste in der Familie, da durfte ich schon auf den Schultern meines Vaters die wöchentlichen Wanderungen mit der ganzen Familie genießen. Später wurden die Ausflüge zunächst kürzer, weil ich an der Hand meiner Eltern noch nicht so lange laufen konnte. Mein Vater hat sich immer etwas Spannendes für mich ausgedacht, er hat mir gezeigt, wie man Karten liest und wie ein Kompass funktioniert. Er hat mir beigebracht, wie ich mich in der Natur orientieren kann.“

Seinen Traum, bei einer Eliteeinheit der Fallschirmspringer den Dienst abzuleisten, hat er schon früh aufgeben müssen. Die starke Kurzsichtigkeit, die er von seinem Vater geerbt hat, verhinderte die Aufnahme. 

Im Jahr 2006 fand der zweite Libanon-Feldzug statt. Haifa wurde wochenlang bombardiert, die Menschen saßen in den Bunkern und waren zum Nichtstun und Abwarten gezwungen.

Zu dieser Zeit hat Ori gerade sein Abitur bestanden. Er beschließt, seinen Wehrdienst um ein Jahr zurückzustellen, um eine Ausbildung als geprüfter Wander- und Kletterführer zu machen.

Der drei Monate dauernde Kurs ist sehr intensiv, neben Geschichte, Archäologie und Kultur stehen auch Navigation, Gruppenmanagement und Erste Hilfe auf dem Programm.

Den letzten Ausbildungsteil absolviert er mit seiner Gruppe in der Negev Wüste. Sie müssen zeigen, dass sie das theoretisch Erlernte auch in die Praxis umsetzen können. Der Weg führt in sehr unwegsames Gelände, wo eine „geheime Höhle“ versteckt sein soll. Ori macht sich als Erster an den Abstieg.
 



Er rutscht aus und stürzt ab. Er glaubt, dass beide Arme und Beine gebrochen sind, weil er sie nicht bewegen kann. Schmerzen hat er keine. Bis der Rettungshelikopter eintrifft, vergeht einige Zeit. 

„Ich habe mich die ganze Zeit mit den anderen unterhalten. Habe zusammen mit ihnen gesungen und alles versucht, dass bei ihnen keine Panik aufkam. Angst hatte ich keine Sekunde, ich war überzeugt, dass nur meine Arme und Beine gebrochen seien.“

Drei lange Stunden dauert es, bis er endlich im Rettungswagen erstversorgt wird. Sein Vater ist kurz vorher nach Amerika geflogen. So wird zunächst nur seine Mutter informiert. 

Das Krankenhaus und die Reha Klinik werden während der nächsten neun Monate der Lebensmittelpunkt der Familie, immer ist jemand bei ihm, er ist nie allein. Paula erzählt, wie großartig sich seine Freunde verhalten haben. „Vor allem am Schabbat Abend waren immer viele Freunde da. Das war so wichtig  für Ori, zu wissen, er ist nach wie vor einer von ihnen. Und immer brachten sie etwas zu essen mit. Manchmal gab es fünf verschiedenen Kartoffelgerichte, manchmal vier Gerichte nur mit Huhn. Egal. Es tat Ori gut und damit war es auch sehr gut für uns.“

„Ich weiß nicht, ob meine Eltern damals schon wussten, wie es wirklich um mich stand. Mir hat niemand etwas gesagt. Im Nachhinein betrachtet war das gut. Ich habe es langsam selber begreifen müssen. Dass es keine Kletterausflüge für mich mehr geben würde, kein Windsurfen am Meer, kein Fußballspiel. Dass ich mich an ein Leben im Rollstuhl würde gewöhnen müssen,“ resümiert Ori die Zeit nach dem Unfall.

Einige Zeit nach dem Unfall wird er an der Halswirbelsäule operiert. Die diagnostizierte Querschnittlähmung ist unvollständig. Ori kann nach monatelanger Reha und Dank seines starken Willens die Arme benutzen, nicht aber seine Hände. Sein Körpergefühl ist vollständig erhalten. 

„Als einen der ersten Bewegungsabläufe musste ich lernen, mich zu rollen. Das ist wichtig, damit ich mich nachts im Bett bewegen kann. Ich musste lernen, den Rollstuhl selbstständig zu verlassen und mich anzuziehen. Tagsüber bin ich weitgehend autonom.“

Nach Oris Rückkehr aus der Reha stellt sich schnell heraus, dass das Haus der Familie nicht für einen Umbau geeignet ist. Die Familie findet ein Haus in Zichron Yaacov, das ganz an seine speziellen Bedürfnisse angepasst wird. Er bewohnt zusammen mit seinem philippinischen Betreuer Mario eine kleine Einliegerwohnung was ihm größtmögliche Freiheit gibt.

Ori bewirbt sich ein zweites Mal beim Militär. Er wird geprüft und akzeptiert. Als Vorbereitung besucht er einen vormilitärischen Kurs, der sieben Monate dauert. 

Dort macht er auch seinen Führerschein und bekommt ein ganz speziell für ihn ausgestattetes Fahrzeug.


„Das Auto ist wirklich für mich produziert worden. Alles muss stimmen, die Breite für die Verankerung des Rollstuhls, die Entfernung zum Lenkrad, die Position der verschiedenen Schalter. Sogar für das Handy hat man Maß genommen, damit ich es problemlos nutzen kann.“

Meine Frage, ob jemand anderer im Notfall den Wagen fahren kann, beantwortet er spitzbübisch grinsend: „Klar, wenn ich zu viel getrunken habe und nicht fahren kann, dann rutscht du mit dem kompletten Beifahrersitz nach links und kannst den Wagen ganz normal fahren. Ich sitze dir dann halt im Nacken.“

Ori wird einer Sondereinheit der Marine zugeteilt, wo er zunächst während 1½ Jahren seinen Dienst als Freiwilliger absolviert. Nach dem Ende der Grundausbildung, die er gemeinsam mit anderen Soldaten mit speziellen Bedürfnissen durchläuft, bewirbt er sich für den Offizierskurs, den er im Jahr 2010 als Leutnant abschließt. Die folgenden drei Jahre dient er als Sicherheitsoffizier in Tel Aviv. Die täglichen Fahrten stellen für ihn eine Herausforderung, aber kein Hindernis dar. Seine Mutter erzählt dazu: „Einmal rief früh am Morgen ein Bahnbeamter bei uns an. Er bat uns, Ori auszurichten, dass die Bahnstrecke für einige Stunden gesperrt sei. Er möge doch bitte selber mit dem Auto ins Büro fahren. Das ist einerseits ein sehr guter Service der Bahn gewesen, aber auch ein Zeichen, dass Oris Leben langsam aber sicher wieder beginnt, sich zu normalisieren. Das ist ein riesiger Fortschritt für ihn. Und für uns.“

Über seine Zeit bei der Marine spricht Ori nicht viel. „Ich weiß, dass du jetzt neugierig bist, aber ich kann dir nicht viel erzählen. Ich war Sicherheitsoffizier. Ich war bei einigen Einsätzen dabei, bei geheimen und weniger geheimen. Alles in allem war die Zeit sehr wichtig für mich. Aber jetzt ist sie vorbei und abgehakt.“ 







Ich möchte wissen, warum er es sich angetan hat, freiwillig fünf Jahre beim Militär zu dienen. Ori wird sehr nachdenklich bevor er antwortet: „Seit Beginn des Jahres sind wieder einige Hundert Raketen aus Gaza auf uns abgeschossen worden, seit gestern gibt es eine neue Luftoffensive von uns. Wir kommen einfach seit der Staatsgründung nicht zur Ruhe.“ Seine Stimme wird eindringlich, fast beschwörend. „Ich bin überzeugt, dass wir nur gemeinsam stark sind. Dass jeder eine Verantwortung gegenüber dem Staat hat. Wir haben nur diesen einen. Mir war auch nach dem Unfall klar, dass ich meinen Teil dazu beitragen wollte. Und ich bin dankbar, dass ich es auch konnte.“ 

Seit dem vergangenem Oktober studiert Ori in Beer Sheva. Er hat eine für sich passende Wohnung gekauft und lebt dort mit seinem Betreuer und einem anderen Studenten in einer WG. Seit unserem letzten persönlichen Treffen vor einigen Monaten hat sich Ori stark verändert.

Aus seinen Augen blitzt die pure Lebenslust. Sein Lachen ist noch herzlicher geworden, und er scheint einen Energieschub hinter sich zu haben. Er hat jetzt mehr Zeit für seine Physiotherapie und kann sich deutlich besser bewegen.

Ori hat seinen Platz im Leben gefunden, hat seine Ziele neu definiert: er möchte nach dem Studium entweder im Bereich Erziehung arbeiten oder in die Politik gehen. „Das sind die Bereiche, in denen man am meisten Einfluss auf die Menschen nehmen kann. In den Schulen bilden wir unsere Kinder aus und in der Politik schaffen unsere Politiker die Basis für deren Zukunft. In beiden Bereichen kann ich mich einbringen und etwas zurückgeben, von dem, was ich erhalten habe.“





Gestern Abend habe ich wieder einmal auf seine Facebook Seite geschaut und muss ihn einfach darauf ansprechen. Auf jedem Bild ist Ori zu sehen, wie er all das macht, was Millionen anderer Studenten in seinem Alter weltweit in ihrer Freizeit machen: das Leben gemeinsam mit Freunden genießen, feiern, flirten, tanzen, zusammen kochen und diskutieren.


Noch einmal leuchtet das strahlende Lächeln auf: „Ich habe eine neue Seite in meinem Leben aufgeschlagen. Ich genieße jeden Tag. Ich lerne sehr viel, aber ich genieße auch meine Freizeit. Und ich habe auch private Pläne. Nicht heute, nicht morgen. Aber ich möchte eine eigene Familie haben. Und möglichst viele Kinder!“

Es fällt mir kein bisschen schwer, mir Ori als jungen Vater vorzustellen, auf jedem Knie ein Kind….