Es mag hilfreich sein, den 1981 an
Originalschauplätzen gedrehten Film gesehen zu haben, um zu verstehen, welches
Drama sich im Jahr 74 C.E. am Westufer
des Toten Meeres abspielte. Während sechs Stunden versuchen uns Peter O’Toole
als Lucius Flavius Silva und Peter Strauss als Eleasar Ben Yair davon zu überzeugen, dass alles hätte gut werden können, wenn sie sich
nur gegenseitig genug vertraut hätten.
Sie konnten es nicht. Der seines Auftrages müde
römische Truppenkommandant und der Widerstandskämpfer machen sich gegenseitig
das Leben in dieser unwirtlichen und gleichzeitig faszinierenden Landschaft am
tiefsten Punkt der Erde schwer.
Die tragische Geschichte nahm ihren Lauf.
Das Tote Meer, auf Hebräisch המלח ים, Jam HaMelach, das Salzmeer und auf
Arabisch الميّت البحر, Al-Bahr al-Mayyit, das Tote Meer genannt,
verpasste im vergangenen Jahr knapp die Aufnahme in die Liste des UNESCO
Weltkulturerbes. Verdient wäre dieses Auszeichnung allemal.
Was durch Erdbeben und anschliessende
Plattenverschiebungen vor ca. 1.500.000 Jahren im Jordanbecken zwischen dem Jam
Kineret im Norden und dem Roten Meer im Süden entstand, ist einmalig.
Wer sich im Süden von Arad aus der Uferstrasse nähert,
überwindet eine Höhendifferenz von 900 m, etwas weniger macht der
Höhenunterschied aus, wenn man im Norden von Jerusalem her kommt. Je nach
Tageszeit schimmert die Meeroberfläche zwischen hellem Türkis bis fast Schwarz.
Das Wasser gleicht, von oben betrachtet, einem halbflüssigen Gel.
Das Moab
Gebirge begrenzt die Jordanische Seite, auf Israelischer Seite wölbt sich die
Judäische Wüste hoch auf. Beide Gebirgszüge wurden in Folge von Erdbeben
aufgeworfen, während gleichzeitig die Talsohle, das Jordanbecken, mehr und mehr
absackte. Während vieler Jahrtausende war das Jordanbecken gefüllt mit einem
riesigen See, der, wie Geoforscher herausfanden, vor ca. 13.000 Jahren
versandete und das übrig liess, was wir heute als „Totes Meer“ kennen.
Die Afrikanische und die Asiatische Kontinentalplatten
treffen hier aufeinander schieben sich konstant aneinander vorbei, so dass es
immer wieder zu mehr oder weniger stark ausgeprägten Erdbeben kommt.
Gleichzeitig ist das Gebiet Teil des syrisch-ostafrikanischen Grabenbruchs.
Die Topografie rund um Masada dürfte sich seit der
Zeit des Herodes (73 bis 4 B.C.E.) nicht mehr stark verändert haben.
Der solitäre Felsstock Masada, מצדה , (Metzuda, Festung)
erhebt sich zwischen den beiden Oasen Ein Gedi und Ein Bokek auf 450 m über die
Wasseroberfläche des Toten Meeres. Das Hochplateau umfasst eine Grundfläche von
650 x 300 Meter.
Wie so viele andere strategisch wichtige
Befestigungsanlagen dieser Zeit liegt auch Masada an wichtigen antiken Verkehrswegen:
Von Jerusalem ans Rote Meer und von Jerusalem nach Ostjordanien.
Plan der Festungsanlagen
König Herodes liess die Bergfestung als Winterresidenz
und Fluchtort ausbauen. Die Ruinen lassen heute noch zwei prächtige
Palastanalgen, Lageräume, Schwimmbecken, Thermen, Wasserversorgungssysteme und Kasematten
erkennen, die Zeugnis ablegen, mit welchem Luxus sich Herodes und sein Hofstaat
umgab. Die Versorgung des Hochplateaus erfolgte über zwei Wege: den
Schlangenpfad auf der Ostseite und den Zelotenpfad auf der Westseite. Durch die
hoch aufragende Einzellage war Masada sehr gut zu verteidigen.

Dank den Aufzeichnungen von Josefus Flavius können wir heute noch nachvollziehen, welches Drama sich im Jahr 74 CE dort ereignete.
Zur Zeit des grossen Jüdischen Krieges gegen die
Vormachtstellung der Römer in Judäa flohen zahlreiche Widerstandskämpfer nach
Masada. Anzunehmen, dass die dort lebenden Menschen nur einer Gruppe
angehörten, wie man zunächst meinte, stellte sich auf Grund der gefundenen
archäologischen Funde als irrige Annahme heraus. Neben den Sikariern, einer
militanten Gruppe der Zeloten, lebten auf der Festung auch Essener und
Samariter. Als im Jahr 70 CE Jerusalem den Römern endgültig zum Opfer fiel und
der 2. Tempel zerstört war, floh als einer der letzten Freiheitskämpfer Eleasar
Ben Yair mit seiner Familie und seinen Freunden nach Masada.
Er wurde der letzte Festungskommandant.
Für einige wenige Jahre lebte die Gruppe auf dem
Felsplateau in relativer Ruhe. Die von Herodes gebauten Gebäude, Lagerräume und
Wassersysteme konnten genutzt werden, neue Gebäude kamen hinzu.
Cisterne
Ein ehemaliges Lagerhaus wurde zur Synagoge umgebaut,
Ritualbäder wurden eingerichtet. Wasser, auch natürlich fliessendes, gab es
dank der ausgetüftelten Wassersysteme während des ganzen Jahres genug. Die
beiden Taubentürme wurden reaktiviert, die Tauben dienten zur Nahrung, ihr Kot
als Dünger. Was von aussen herangeschafft werden musste, wurde über den
Schlangenpfad auf Maultieren und von Trägern herbeitransportiert. Schwerere
Lasten, so auch Kühe, wurden über spezielle Kranvorrichtungen über die Mauern
gehievt.
Schlangenpfad
Bis im Jahr 74
eine Legion unter dem Kommando von Lucius
Flavius Silva von Jerusalem nach Masada marschierte, um die letzten
Aufständischen zur Aufgabe zu zwingen. Oder, falls dies nicht gelingen sollten,
sie zu besiegen und zu versklaven.
Rund um den Felsstock und heute noch gut erkennbar,
legten sie insgesamt acht Lager an. Vier Lager umfassten jeweils 2000 Soldaten,
in den anderen, kleineren Lagern lebten Priester, Berater, Hilfstruppen, jüdische Sklaven und natürlich auch die nicht
aus dem Lagerleben wegzudenkenden Frauen. Römische Standlager folgen alle einem
strikten Aufbau, der ohne Notwendigkeit nicht geändert wurden, um die straffen
Abläufe und Befehlswege nicht zu stören. Insgesamt lebten in den Lagern 12.000, in der Festung ca. 1.000 Menschen, ungleicher kann ein
Kräfteverhältnis nicht sein. Heute spricht man bei einer solchen Konstellation
von einem asymmetrischen Kampf.
Römisches Feldlager
Während der ersten Monate der Belagerung sah es
trotzdem danach aus, als würden die Römer vor einer unlösbaren Aufgabe stehen.
Die Römer begannen zunächst damit, einen Wall um den
Feststock aufzubauen, was den Nachschub an Lebensmitteln erheblich erschwerte.
Im siebten Monat des jüdischen Jahres, im Nisan, der
ca. Mitte März beginnt und in den auch das Pessach Fest fällt, begannen die
Römer damit, von der Westseite her, in Weiterführung des Zelotenpfades eine
Belagerungsrampe zu bauen. Tag für Tag wuchs damit die Gefahr der
Eroberung. Die Lage der Belagerte wurde
immer aussichtsloser. Je höher die Rampe wuchs, desto mehr Anstrengungen
unternahmen sie, die Befestigungen innerhalb der Mauern zu verstärken.
Die Römer begannen Brandfackeln auf den neuen
hölzernen Schutzwall zu schiessen und diesen in Brand zu setzen. Am Tag darauf
gelang den Soldaten den Durchbruch mit Hilfe eines Rammbockes. Es war der erste
Abend des Pessachfestes.
Reste der Rampe und Zelotenpfad
Masada, die letzte Bastion des Jüdischen Aufstandes
gegen die Römer, war gefallen. Das Schicksal der knapp tausend Menschen schien
besiegelt zu sein: die Männer würden getötet werden, entweder sofort oder bei
den in Rom so beliebten
Gladiatorenkämpfen. Den Frauen stand ein Schicksal als Sklavin oder
Trosshure bevor. Die Kinder würden wahrscheinlich ebenfalls ihre Freiheit auf dem Sklavenmarkt beenden.
Nachdem der Durchbruch knapp vor Einbruch der
Dunkelheit geschah, zogen sich die Römer in ihre Lager zurück.
„Vor langer Zeit haben wir beschlossen, niemals Sklaven Roms zu werden,
oder uns einer anderen Macht als der Mach Gottes zu unterwerfen. Nur er ist der
wahre und einzige Herrscher der Menschheit. Jetzt ist die Zeit gekommen, uns
dieser Wahrheit zu beugen. Wir waren die ersten, die revoltiert haben und wir
sind auch die letzten, sich gegen sie zu erheben. Ich kann es nur als
Bevorzugung durch Gott ansehen, dass er uns mit der Entscheidungsfreiheit
ausgestattet hat, tapfer und als freie Menschen zu sterben.“
Eleasar ben Yair und seine Freunde wählten den Tod.
Sie wählten zehn Männer aus, die allen anderen
töteten. Die zehn Überlebenden schrieben ihre Namen auf Tonscherben. Der,
dessen Name gezogen wurde, musste die traurige Pflicht erfüllen, zunächst die
neun anderen und dann sich selbst zu töten. Die Lose wurden später alle
gefunden.
So geschah es.
Als die Römer am kommenden Tag in die eroberte Festung
eindrangen, fanden sie die Leichen und die Tonscherben.
Tonscherbe mit dem Namen Eleasar Ben Yair
Zwei Frauen und einige Kinder hatten sich
offensichtlich des kollektiven Selbstmordes entzogen und konnten den Soldaten
berichten, was in der letzten Nacht innerhalb der Festungsmauern vor sich gegangen war.
Warum war dieser Sieg über die letzten revoltierenden
Juden den Römern so wichtig? Es war der zähe und nicht endende Kampf gegen die
römische Übermacht, der sich über Jahre hinzog und doch nie zu einem klaren
Sieg der Besatzer führte. Zu stolz, zu ungebeugt waren die Juden.
Die Römer, an schnelle Erfolge gewöhnt, mussten, wenn
sie ihr Gesicht gegenüber Rom nicht verlieren wollten, ein Beispiel statuieren.
Doch statt fast 1000 Sklaven im Triumphzug durch die Strassen Roms zu führen,
mussten sie einsehen, dass ihr Sieg nicht der war, den sie erhofft hatten. Die
Juden hatten zwar alles verloren, aber waren sich selber treu geblieben. Ein
bitterer Sieg für den Erfolg verwöhnten Kommandanten Lucius Flavius Silva!
Masada verfiel im Laufe der kommenden Jahrhunderte.
Erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde
der Freiheitskampf wieder in das Bewusstsein der jüdischen Welt gerückt, als
das Gedicht „Masada“ von Isaac Lamdam die Widerstandskämpfer im Warschauer
Ghetto bei ihrem Aufstand moralisch unterstützte. Masada wurde das Symbol für
die Träume junger Zionisten vor allem in Europa, die zusehends unter dem
aufkommenden Judenhass zu leiden hatten und die Masada als Symbol für Freiheit
und Unabhängigkeit sahen. Und dies, obwohl der Kampf der Freiheitskämpfer doch
mit deren kollektivem Selbstmord geendet hatte.
In den 60er Jahren begannen erste Ausgrabungsarbeiten
unter der Leitung vom ehemaligen General Yigael Yadin, sie sind bis heute noch
nicht ganz beendet.
Masada und die tragischen Vorkommnisse im Jahr 74 CE stehen
heute wie damals für den ungebrochenen Freiheitswillen des Jüdischen Volkes.
Die Synagoge, erbaut von den belagerten Juden, ist heute wieder vermehrt ein
Ort, an dem Bar Mitzwot und Bat Mitzwot gefeiert werden.
Der immer wieder gehörte Schlusssatz aus Lamdams
Gedicht: „Masada darf nie wieder fallen!“ fasst zusammen, was zionistische Juden
weltweit und in Israel eint: nie wieder Fremdherrschaft, weder politisch, noch
religiös!
Sonnenaufgang über Moab


















