Sonntag, 23. November 2014

Die Morde von Jerusalem – Kommentare von der Frau eines meiner Freunde

ב"ה


Jeder von uns muss in sich hineinschauen, fragen „Was kann ich besser machen?“ Jeder von uns muss ein paar kleine, aber wirksame Änderungen machen.

Gepostet von meinem Freund und Lehrer David Olesker in facebook am 20.November 2014



Wir hörten die Krankenwagen. Wir hörten, dass es einen Terroranschlag gegeben hatte. Dann erfuhren wir, dass er in unserer Synagoge ein wenig weiter unten auf der Straße stattgefunden hatte. Wir bekamen einen Anruf von Chaya Levine, die meinen Mann bat, in der unmittelbar benachbarten Synagoge nachzuschauen, ob Rav Kalman dort war. Mein Mann hatte noch vor kurzem zusammen mit ihm gebetet. Rav Kalman bedankte sich herzlich für den Priestersegen und ging fort, um weiter zu lernen. 

Mein Mann kam heim, um Benjamin David für den Schulbus fertig zu machen. Dienstag ist immer Vater-Tag. Benjamin David freut sich die ganze Woche auf diesen Tag, vielleicht, weil sein Vater mehr Ketchup auf das Käsesandwich gibt, oder weil er mehr Brezeln in den Beutel füllt, als ich es mache, oder mehr Salz auf den Salat. Oder einfach, weil er seinen Vater und ihren gemeinsamen Morgen so liebt. Weil der Dienstag ein besonderer Tag ist, betet mein Mann in der kleinen Synagoge nebenan und nicht in der „Bnei Torah“ Synagoge, die etwas entfernt liegt. Möglicherweise wäre mein Mann doch in seine reguläre Synagoge gegangen. Er war sehr oft der einzige Kohen. Deshalb ist er dienstags oft zur Wiederholung des Hauptgebetes dort aufgetaucht, um den Priestersegen zu erteilen.

Das Massaker fand genau zu dieser Zeit statt.

Aber Gott hatte andere Pläne mit meinem Mann. Seit einigen Monaten ist ein Mitglied der Gemeinde, ebenfalls ein Kohen, in Trauer und bat ihn, ob er die Gebete leiten könne. 
An diesem Dienstag wusste mein Mann, dass ein anderer Kohen da sein würde, und ging daher nicht dorthin. Also kam er gleich nach dem Gebet in der HaGra Synagoge heim.

Aber Kalman, wo war Kalman? Mein Mann ging zurück und schaute, ob er dort gewesen sei. Aber er war schon von dort fortgegangen. Er war in die Synagoge von Rav Rubin gegangen, um den Rav etwas zu fragen. 
Und Kalman kam nicht heim.

Wir hörten Namen und Gerüchte – wir wollten nicht glauben, dass sie wahr wären. Rav Moshe Twersky, der gütige Talmudgelehrte, der niemals auf die Uhr schaute, wenn jemand ihn um Rat bat, oder eine halachische Erklärung suchte. Der lehrte und bis spät in die Nacht lernte. Er war derjenige, an den sich mein Mann wenden würde, wenn Fragen in der Gemeinde auftauchten. Es war Rav  Moshe, der anlässlich des Aufgebotes für die Hochzeit seines Sohnes sagte, dass die Gemeinde wie eine Familie sei. Wir haben ein Familienmitglied verloren.

Rav Aryeh Kupinski. Rav Aryeh? Nein, nicht Rav Aryeh! Haben sie nicht genug gelitten? Als seine Tochter Chaya den plötzlichen Kindstod starb, nahm er dies aus seinem tiefen, unbeirrbaren Glauben heraus an und, mehr als das, er half anderen, neue Perspektiven zu finden. Immer half er anderen, immer hatte er ein Lächeln im Gesicht, trotz der andauernden Herausforderungen. Rav Aryeh war der, der schrie „ Ihr lauft, ich werde kämpfen!“ Er stellte sich mit einem Stuhl der Schusswaffe entgegen und konnte ein wenig Zeit gewinnen, so dass die anderen fliehen konnten. Die absolute Sorge und Liebe für den Menschen.

Wir beten für: Shmuel Yerucham ben Baila. Chaim Yechiel ben Malka. Eitan ben Sarah und  Yitzchak ben Chaya. Alle verdienen die überaus große Gnade des Himmels. Bitte lasst nicht nach damit, die Tore der Himmelsgnade für sie zu bestürmen. 

Dann wandelten sich die Gerüchte in lähmende Wahrheit.

Avraham Shmuel ben Aharon, Mr Goldberg. Der Herr mit dem warmen Lächeln im Gesicht, der die Torah und die Torah Schüler liebte, der jeden einzelnen Juden liebte. Der keinen Tag ausließ, um vor der Arbeit zu lernen. Mein Mann stellte ihm das Lesepult hin und er wiederum bereitete das Gebetbuch für Rav Twersky vor. Das war der Geist der Gemeinde. Es kann nicht sein, aber es war so.

Was ist mit Rav Kalman? Wir wussten nichts Genaues – es gab Gerüchte - aber Rav Kalman war die lebhafteste Person auf der Welt. Er war der Grund, warum an Simchat Torah so viele Menschen in seine Synagoge kamen. Um ihn mit seiner geliebten Torah im Arm ekstatisch tanzen zu sehen. Wir hätten es wissen müssen, dass etwas fürchterlich falsch war, als er nicht heimkam und auch niemanden anrief. Aber wir konnten nicht glauben, dass es so sein könnte. Und dann hörten wir es. Die Bestien schossen und schrien ihren grauenhaften Kampfruf hinaus. Sie schlachteten Rav Kalman ab, als er, vertieft in ein Buch, im Flur stand. Diese wenigen Sekunden gaben anderen Männern der Gemeinde die Chance, durch eine andere Türe zu fliehen. Die letzte Liebestat von Rav Kalman war es, das Leben seiner Freunde zu retten.


Und jetzt sind Rav Moshe, Rav Aryeh, Rav Avraham, Rav Kalman im himmlischen Bethaus – zusammen mit ihrer geliebten Torah.

Zwischen Hoffnung und Tränen redeten wir: „Chaya, erinnerst du dich…“ Benjamin David war ein kränkliches Kind mit Down Syndrom und anderen medizinischen Problemen und ich brauchte Unterstützung. Ich machte mich auf nach Bnei Brak, um die Rebbetzin Kanievsky zu konsultieren. Ich wartete draußen, bis ich an der Reihe war. Ich trat ein, ein schlafendes Baby auf dem Arm. Rebbetzin Kanievsky schaute ihn nur kurz an und sagte „Du weißt nicht, welch starken Schutz du in deinem Haus hast.“ Ich dachte, ich hätte sie verstanden. 

Vielleicht, dachte ich, dass andere Dinge leichter sein würden, weil dies so tragisch war. Aber jetzt, fast 13 Jahre später, verstehe ich sie wirklich. Benjamin David war der Grund, dass mein Mann heute nicht in  seine Gemeinde gegangen ist. Und weil man dort wusste, das er heute nicht kommen würde, hat die Gruppe, die sich sonst immer nach den Gebeten zum gemeinsamen Lernen trifft, sich entschlossen, heute in einer anderen Synagoge zu beten. Wir konnten uns über die Jahre hinweg nicht vorstellen, dass unser Sohn eines Tages das Leben seines Vaters und dessen Lerngruppe retten würde.

Es gibt so viele Geschichten. 

Von denen, die gerettet wurden. 

Rav E, ein älterer Herr, nimmt jeden Morgen das Taxi für den Weg, aber heute ist das Taxi nicht gekommen. Rabbi L war auf dem Weg in die Synagoge, aber aus nicht erklärbaren Gründen, ging er zu seiner näher gelegenen und blieb dort. A. war die ganze Nacht wach, um seine Frau, die sich nicht wohlfühlte zu helfen, und betete woanders. S., der einem Terroristen zweimal mit einem Stuhl auf den Kopf schlug, um ihn am Schießen zu hindern konnte unverletzt hinausrennen. Rav P, Reb B, Rav Pr und Rav F konnten unbeschadet durch die Schusslinie hindurch zur Türe hinaus rennen. Rav S versteckte sich hinter dem Lesepult bis ihm irgendetwas einsagte, jetzt hinauszukommen. Und er schaffte es, durch die Seitentüre zu fliehen. Rav I sah, als er hereinkam, einen der Terroristen in der Küche. Er dachte, das sei einer derjenigen, die am Morgen hereinkommen, um sich eine kostenlose Tasse Cafe zu holen. Warum wurde er dort nicht erschossen? Er konnte durch die Seitentüre fliehen, als die Schießerei in der Synagoge anfing. Dr. H und Rav W, rannten hinaus, nachdem sie einen Tisch gegen die Terroristen geschleudert hatten. Der große Rav B, wirklich kein junger Mann mehr, hörte den Aufruhr und kam herunter. Während er versuchte, den Opfern zu helfen, schoss man mehrfach auf ihn. Aber die Schusswaffe hatte vier Fehlzündungen. Als sie dann ein Messer zückten, rannte er die Treppe hinauf. Ein alter Mann läuft zwei Terroristen davon?

Und von denen, die nicht gerettet wurden. 

Rav Kalman, der normalerweis das Morgengebet woanders betet, und der nur hierherkam, um mit einem Rav, den er nicht kannte, und der noch nicht da war, eine Frage zu diskutieren. Rav Aryeh kam vielleicht ein- bis zweimal im Monat hierher. 

Der erste Rettungssanitäter, der vor Ort eintraf, trägt immer eine Waffe auf sich. Aber an diesem Morgen hatte er sie daheim gelassen.

Eines ist klar, es war ein Zufall, aber nur in den Augen der Welt war es ein Zufall. Aber wir müssen wissen, dass es in den Augen Gottes vorbestimmt ist und dass wir, während wir möglicherweise den Hintergrund nicht verstehen, wissen, dass dies die Wahrheit ist. 

Für uns ist es klar, dass die Welt mit Genauigkeit gelenkt wird – und, dass dieses brutale Abschlachten von unschuldigen Seelen eine Absicht und Bedeutung hatte. Wir müssen uns auf unser Inneres fokussieren, und dabei Politik und Zorn außen vor lassen. Wir müssen uns auf unsere innere Energie fokussieren und uns fragen, was jeder von uns besser als vorher machen kann. Das ist die Jüdische Antwort.

Am Mittwoch Morgen hat mein Mann in seiner Synagoge gebetet, Er hat kein Lesepult aufgestellt und kein Gebetbuch bereitgelegt. Rav Chajim, kämpfte um sein Leben, er konnte die Kohanim nicht aufrufen.  Rav Moshe war nicht da, um aus der Thora vorzulesen. Er wird auch nicht darum bitten, anlässlich des Todestages seiner Großmutter zur Torah aufgerufen zu werden. Mein Mann nahm das Registerbuch der Synagoge heraus und  schrieb das Todesdatum neben vier Namen

Wie Rav Rubin bei der Beisetzung sagte, wir müssen uns bemühen, unseren Glauben, unsere tiefsten Überzeugungen und Erkenntnisse zu stärken. Wir müssen das Wissen verinnerlichen, dass es keine Zufälle gibt, dass nichts ohne Absicht und Bedeutung geschieht. 

Wir müssen uns bemühen die Grundlagen der jüdischen Ethik mehr und mehr zu erfüllen; die nach außen so unterschiedlich erscheinen und sich dabei doch so ähnlich sind. Jeder soll ein wahrer Liebhaber der Torah sein, ein kluger Schüler, jeder muss seinen Gefährten lieben, jeder muss voll Gnade und Güte sein, jeder ein Mensch voller Lebensfreude.

Jeder von uns muss in sich hineinschauen, fragen „Was kann ich besser machen?“ Jeder von uns muss ein paar kleine, aber wirksame Änderungen machen.

Die Familien baten die, die zum Trauerbesuch gekommen waren, sich weiter mit der Torah für das Volk Israel zu engagieren. Das wird den Witwen und Waisen Trost geben. Das wird zur Gesundung der Verletzten beitragen.

Und wir können nur beten, dass dies das letzte Kapitel der langen und schmerzhaften Geschichte sein wird und Erlösung schnell und in diesen Tagen bringen wird. 


Nachtrag 1:  Unter den Toten sind zwei sehr gute Freunde von meinem Freund David, der hier genannten Rav Chajim ist sein Nachbar. Er selbst betet regelmässig in dieser Synagoge, warum er es am vergangenen Dienstag nicht tat, weiss er selber nicht zu sagen. Seine Tochter war mit ihrem Baby  genau dort unterwegs, wo Minuten später der Anschlag stattfand. 

Nachtrag 2: Der erste, der  vor Ort ankam, war der drusische Offizier der Verkehrspolizei, Sidan Sayaf. Er erschoss nicht nur zumindest einen der Terrorristen, sondern rettete auch seinem Kollegen das Leben. Zu seiner Beisetzung kamen neben den drusischen Trauernden auch Hunderte von religiösen Juden. 

Nachtrag 3: Die ranghöchsten Vertreter der jüdischen und moslemischen Gemeinden in Israel fehlten zwar, zwischen ihnen sind die Gräben noch zu tief, um sich zu treffen. Aber es war ein Zeichen von Respekt und Bemühung um Veränderung, als sich am Mittwoch vor der Synagoge hochrangige Vertreter aller Religionen trafen um gemeinsam der Opfer zu gedenken und aufriefen, jeden Extremismus zu beenden.

Montag, 17. November 2014

Alles schon mal dagewesen!

ב"ה



Noch bevor die Nürnberger Rassegesetze in Kraft traten (15.09.1935), verlangte das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (07.04.1933) vom Antragsteller den „arischen Ahnenpass“ bis zurück zu den Großeltern. Dieser umfasste sieben Geburtsurkunden (die eigene – Eltern – Großeltern) und drei Heiratsurkunden). Wollte man gar den eigenen Bauernhof dem Reichserbhofgesetz (29.09.1933) unterstellen, oder strebte bei der SS eine höher Charge an, so musste man den „großen Ariernachweis“ erbringen, der die Abstammungspapiere – auch die der Ehefrau bis zum Jahr 1800, in einigen Fällen sogar bis 1750 verlangte. 

Arier, Mischlinge, Halb-und Vierteljuden....


Einige evangelische Kirchengemeinden trugen das ihre zu Vervollständigung der Listen bei: sie meldeten in vorauseilendem Gehorsam Täuflinge mit jüdischen Wurzeln an die Behörden. 

Besonders hervorgetan hat sich in der akribischen genealogischen Forschung, die nur ein Ziel hatte, Juden zu finden, die nicht auf den ersten Blick als Juden erkennbar waren, Achim Gercke, der sich bereits ab 1925 intensiv diesem Thema widmete. Bis 1932 hatte er eine Kartei mit mehr als 400.000 Namen zusammengestellt, die zuerst unter dem Namen „Archiv für berufsständische Rassenstatistik“ und ab 1931 als „NS-Auskunft“ bekannt wurde. 

Gemeinsam mit anderen Nazi Schergen wurde er zum spiritus rector einiger Teilbereiche der Rassegesetze. 

Im Januar 1935 endete seine nationalsozialistische Karriere. Ob auf Grund beweisbarer Fakten oder durch Denunziation ist unbekannt, wurde er nach § 175 verhaftet und aller Ämter enthoben.

Ob die Listen jemals die Grundlage für die Deportationen darstellen, ist historisch nicht belegt. 

Der gelbe Judenstern, das in den Reisepass eingestempelte „J“ und die in den Unterarm tätowierten Nummern sind die Kennzeichen, die während der Zeit der Nationalsozialisten im Deutschen Reich für alle Juden, und für alle Inhaftierten in den KZs vorgeschrieben waren. 





Die Kennzeichnungspflichtig ist schon viel älter.



Aber warum gerade die Farbe Gelb? Ich assoziiere mit Gelb: Sonnengelb, Butterblumengelb, Dottergelb, Goldgelb, Sonnenblumengelb, Zitronengelb, Safrangelb, Quietscheentchengelb…..

Ich lehne alle anderen Konnotationen ab, sie werden möglicherweise das Geheimnis jenes Kalifen bleiben, der die Farbe erstmals auswählte. 

Und nun kommt der große Sprung ins Jahr 2014.

Mit Datum vom 16.10.2014 stellt Dennis Giemesch, Ratsvertreter der rechtsextremen Partei „Die Rechte“ eine Anfrage beim Stadtrat Dortmund. Er verlangt eine exakte Auflistung aller Bürger jüdischen Glaubens in Dortmund und in welchem Stadtteil sie leben. Als Begründung schreibt er: „Um einen angemessenen Umgang mit allen Religionen zu finden ist es notwendig, deren Bedeutung in unserer Stadt herauszufinden.  Für unsere politische Arbeit ist daher die Zahl der in Dortmund lebenden Menschen jüdischen Glaubens relevant.“

Was die Verfasser dieser perfiden Anfrage mit „angemessenem Umgang“ meinen, möchte ich lieber nicht wissen. 

Auf ihrer Facebook Seite halten sie sich nicht so bedeckt: 

In den "Ruhr Nachrichten" beschwert sich die Stadtverwaltung über die Menge der parlamentarischen Initiativen, mit denen DIE RECHTE und die nationale Ratsgruppe den Stadtrat bereichern. Offenbar ist den Blockparteien so eine Arbeitsmoral neu. Es wird Zeit, sich daran zu gewöhnen - der Druck von rechts trägt erste Früchte und mit der Harmonie von CDU, SPD, Grünen, Linken, FDP und Co ist es endgültig vorbei!

Die "Ruhrbarone" berichten über unsere parlamentarische Arbeit. Natürlich versuchen die Schlagzeilenjäger alles in ein skandalträchtiges Licht zu rücken. Dabei sorgen wir uns vielleicht einfach nur um die Sicherheit unserer Mitbürger, wenn beispielsweise Stellvertreterkriege von Konflikten im Nahen Osten in unserem Land stattfinden und wollen eine städtische Analyse, um zu erkennen, wie viele Menschen potentiell bedroht sein könnten...

Es sind also Gutmenschen, die sich um "unsere Sicherheit" sorgen und verhindern wollen, dass wir durch Stellvertreterkriege, die sich auf Konflikte im Nahen Osten beziehen, potentiell bedroht werden.

Gleichzeitig wurde eine Anfrage an den Stadtrat gestellt, die sich mit „Förderungen im Rahmen des Aktionsplans gegen Rechtsextremismus“ auseinandersetzen soll. In der Begründung der Anfrage heißt es: „Trotz leerer Kassen gönnt sich die Stadt Dortmund den zweifelhaften Luxus, missliebige Meinungen durch einen “Aktionsplan gegen Rechtsextremismus” zu bekämpfen. Um das Ausmaß dieser Steuergeldverschwendung zu erkennen, ist es unvermeidlich, eine detaillierte Auflistung der einzelnen Kostenpunkte zu erhalten.“

Sehe nur ich da einen Widerspruch???

Etwas ausführlicher erläuterte Stefan Reuters, Pressesprecher der Rechten die Hintergründe der Anfrage. „….Ereignisse im Sommer 2014 zeigten. Damals kam es beispielsweise bei einer Kundgebung in Essen zu wechselseitigen Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen und radikalen Zionisten. Um diese Situation einschätzen zu können und Vorkehrungen zu treffen, wie etwa einen besonderen Schutz für gefährdete Personengruppen zu ermöglichen, will DIE RECHTE zunächst Fakten über die Bedeutung der jeweiligen Gruppe im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung. Weitere Anfragen von uns, welche unter anderem die Zahl von Muslimen, Hinduisten und Buddhisten in Dortmund zum Gegenstand haben werden, sind für die nächsten Ratssitzungen ebenso vorgesehen. Tatsächlich sind faktische Zahlen aber auch notwendig, um etwa die Menge staatlicher Fördergelder, die in Deutschland praktizierende Religionsgemeinschaften erhalten, angemessen einschätzen zu können. Die Frage nach der Zahl der in Dortmund lebenden Juden ist deshalb, entgegen den permanenten, einseitigen Beteuerungen der Presse, nicht etwa eine Provokation, sondern ein ganz normaler, parlamentarischer Vorgang, der bei anderen Religionsgemeinschaften sicherlich nicht für vergleichbare Aufregung sorgen würd und lediglich zeigt, dass DIE RECHTE den Wählerwillen einer aktiven Arbeit in den jeweiligen Gremien umsetzt.“

Da verwundert die Frage von Dennis Giemesch schon gar nicht mehr: Ich weiß überhaupt nicht, was die ganze Aufregung soll. Man wird doch wohl noch fragen dürfen…

Sehr aufschlussreich ist auch ein Satz aus seinem eigenen Blog: „Wenn es unsere Intention gewesen wäre jüdische Menschen durch eine Anfrage an die Verwaltung zu kritisieren, bzw. verbal zu attackieren, dann hätten wir das effektiver tun können. Wir hätten auf aktuelle Völkerrechtsverstöße des israelischen Staates hinweisen, oder auf die Weigerung Israels, UN Beobachter einreisen zu lassen um Verbrechen Israels im Gazakrieg aufzudecken, hinweisen können. Das haben wir aber nicht getan! Wir haben die Anfrage so minimal wie möglich gehalten und die zwei Fragen – wertfrei – gestellt.“

Dass einer der Rechten einen Online Shop mit dem nomen est omen Namen „antisem.it“ erstaunt mich auch nicht mehr. Dass dieser Shop ein italienisches Internetkürzel hat, dürfte wohl nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme sein, nicht mit den deutschen Gesetzen in Konflikt zu kommen…Sondern auch ein, nicht auf den ersten Blick erkennbares Wortspiel.

SS - Siggi

Der neue Stadtrat - Dennis Giemesch


Die Partei „Die Rechte“ wurde bei den letzten Kommunalwahlen in Mai mit einem Sitz in den Stadtrat gewählt. Zunächst hielt Siegfried Borchardt (Spitzname “SS-Siggi”) Einzug in das Rathaus, zog sich aber im Sommer aus der aktiven Stadtpolitik zurück. Möglicherweise, um sich wieder vermehrt seinem „Lieblingskind“, der Borussenfront  zu widmen. Der in der rechtsextremen Szene verankerte „Fanclub“ von BvB zeichnete sich besonders dadurch aus, Ausländer im Stammquartier der Borussen zu jagen und anzugreifen. Die Gruppe war auch in der Hooligan Szene gut vernetzt. Borchardt wurde mehrfach wegen szenetypischer Vergehen verurteilt: Körperverletzung, Tragen und Verbreiten von verbotenen Symbolen, Nötigung… Vom Verfassungsschutz wird er als Rechtsextremist eingestuft, dessen Bedeutung aber auch NRW beschränkt ist.

Sein Nachfolger wurde Dennis Giemesch, der Anführer der mittlerweile verbotenen Nazi-Kameradschaft Nationaler Widerstand Dortmund. Nach ihrem Verbot formierte sie sich teilweise neu in der rechtsextremen Partei  „Die Rechte“. Giemesch gilt als Schlüsselfigur der rechtsextremen Szene in NRW, der er meisterlich versteht, den schmalen Grat des Legalen entlang zu gehen und rechtlich nur schwer zu fassen sei.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau reagierte unmittelbar nach Erhalt der Anfrage, in einer Pressemitteilung.

(…)
 „Jüdisches Leben bereichert seit Jahrhunderten in Deutschland und in Dortmund das gesellschaftliche Miteinander und hat vielfältige und nachhaltige Spuren hinterlassen.
Das Nazi-Terrorregime hat die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in den 1930-er und 1940-er Jahren systematisch verfolgt, versklavt und umgebracht. 2078 Jüdinnen und Juden allein aus Dortmund fanden zwischen 1933 und 1945 den Tod. 

Trotz des Holocaust-Verbrechens haben Menschen jüdischen Glaubens wieder Vertrauen gefasst in ein respektvolles, friedliches und von Toleranz getragenes Zusammenleben hier und anderswo in Deutschland. Die jüdische Gemeinde Dortmund hat mit etwa 3.700 Mitgliedern inzwischen wieder eine Stärke erreicht, die in der Nähe derjenigen liegt, die sie vor der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte hatte. Wir freuen uns über jedes Kind, jede Frau und jeden Mann jüdischen Glaubens, der hier in Dortmund mit uns zusammen leben will. 

Vor diesem Hintergrund ist die Anfrage der Nazis ein Vorgang, der von einem unerhörten menschenverachtenden, antisemitischen und rassistischen Ungeist zeugt. Der Vorgang zeigt uns, dass der Schoß noch immer fruchtbar ist und wir keine Sekunde in unserer Aufmerksamkeit nachlassen dürfen.

(…)

MdB Steffen Kanitz, Vorsitzender der Dortmunder CDU nennt die Anfrage eine "unverhohlene Drohung gegen jüdische Menschen in Dortmund".

Dieter Graumann, der Präsident des ZdJ nennt die Anfrage: abscheulichen und perfiden Antisemitismus“ und appellierte an die Dortmunder Regierenden: „einem solch widerwärtigen Menschenhass keinen Platz in der Westfalenmetropole zu geben. Diese Vorfälle zeigen wieder einmal, dass Rechtsextreme nichts in unseren Parlamenten zu suchen haben. Sie gehören verachtet und verboten“.

Der Borsigplatz heute

Mein Lieblings Fußballverein, der sich derzeit auf internationalem Parkett (Champions Leagues, Gruppe D, Platz 1, 12 Punkte) wunderbar schlägt, schwächelt in der Bundesliga. Dort dümpelt der BvB nach zwölf Spielen auf Platz 15, gerade noch vor dem ersten Abstiegsticket….



Ich kenn das noch, je  nachdem, ob das Spiel gewonnen oder verloren war, fuhr der Konvoi rechts- oder linksrum über den Borsigplatz. Aber die Geschichte erzählt noch mehr.
BvB wurde hier 1909 gegründet und gab die Nähe zu diesem Quartier, nahe der Westfalenhütte nie ganz auf. 

Die Gründungsmannschaft von BvB 09


An der Stelle des heutigen Hoeschparks befand sich auch das erste Stadion des Vereins, die Weiße Wiese. Um den Park bauen zu können, enteigneten die Nationalsozialisten den Fußballverein in den 1930er Jahren ohne Entschädigung, die Spiele mussten fortan im Stadion Rote Erde des bürgerlichen Südens ausgetragen werden.




Im Oktober dieses Jahres wurden sie für ihr Engagement mit dem vom DFB gestifteten Julius Hirsch Preis ausgezeichnet. In der Laudatio heißt es, dass der Fußball lange gebraucht habe, um sich der dunklen Stellen in seiner Geschichte zu erinnern.

Julius Hirsch wurde 1914 mit seinem Verein, der Spielervereinigung Fürth Deutscher Meister, leistete danach seinen Wehrdienst und wurde mit dem EK I ausgezeichnet. 1933 wurde er aus dem Karlsruher FV ausgeschlossen. Sein letztes Lebenszeichen stammt vom 03. März 1943. An dem Tag hat er eine Postkarte an seine Tochter Esther aus dem Zug geworfen, danach verliert sich seine Spur. Am Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, heute spricht man gerne vom Tag der Befreiung, dem 08. Mai 1945 wird er für tot erklärt.

Julius Hirsch und Gottfried Fuchs waren die einzigen Juden, die in einer deutschen Nationalmannschaft je gespielt haben. 





Ich habe in Dortmund bis zum Abitur im Jahr 1974 gelebt.  Als Ex-Dormunderin möchte ich
neben dem Dortmunder OB Ullrich Sierau, der ganz klar und sehr schnell seine Position bezog,  auch dem BvB danken: „Danke, dass ihr euch gegen jede Art der Ausgrenzung wendet."