Freitag, 6. März 2015

Der Countdown läuft und der Wahlk(r)ampf kommt in die Endphase

ב׳׳ה

Langsam aber sicher verwandelt sich Israel wieder in das Land, in dem Politiker, Journalisten und Wähler gleichermassen beginnen, sich mit der Wahl zu beschäftigen.

Politiker, um verlorenen Boden gutzumachen oder überhaupt erst mal Boden zu gewinnen, oder im besten Fall den angestammten Platz zu verteidigen. Journalisten, um immer die neuesten Gerüchte, Halbwahrheiten und Wahrheiten zu erahnen, um sie dann zwei Sekunden vor der Konkurrenz zu veröffentlichen.

Und schlussendlich die Wähler, sie haben den schwersten Job von allen. Wo man sich vor wenigen Tagen noch über den gerade erst zu Ende gegangenen Winter unterhielt, sich über den Nachbarn aufregen konnte, der das am Boden liegende Laub mit laut brüllendem Blower von seinem Garten in den ihren verlagerte, und das auch noch um 15 Uhr (beides ist verboten, der Blower sowieso, aber niemand hält sich dran, und in der Zeit von 14 bis 16 Uhr hat häusliche Ruhe zu herrschen, aber auch daran hält sich kaum wer), driftet jede Unterhaltung jetzt nach zwei Minuten in Richtung Politik ab.

Da wird leidenschaftlich debattiert, ob man selber eigentlich rechts oder links ist, ob man über eine Zeit nach Bibi, oder vor Bibi als Neuauflage überhaupt laut nachdenken darf, ob sich etwas verändern wird durch die Wahlen, und wenn ja was sich verändern wird.

Da werden aus  besten Freunden auf einmal gnadenlos aufeinander losgehende Kontrahenten. Aber das Versöhnliche daran, am Ende des Disputes nimmt man einander in den Arm. Nichts kann die Freundschaften zerstören, nichts und schon gar nicht die Politik!

Und ganz wichtig, man versucht herauszufinden, wie denn die Abkürzung der Wunschpartei ist. Die sollte man kennen, denn Politiker- oder Parteinamen sucht man auf den Wahlzetteln vergebens.

Wahlzettel 

Hier nochmals das offizielle Endergebnis der Wahlen zur 19. Knesset im Jahr 2013:

Name                         Stimmen        %                        Sitze

Likud / Yisrael Beitenu       885,163          23.34                         31 / 19+12
Yesh Atid                             543,458          14.33                         19
Israel Labor Party                 432,118           11.39                        15
Habayit Hayehudi               345,985            9.12                         12
Shas                                     331,868            8.75                         11
United Torah Judaism          195,892            5.16                           7
Hatnua                                 189,167            4.99                           6
Meretz                                  172,403            4.55                           6
United Arab List                   138,450             3.65                           4
Hadash                                 113,439            2.99                           4
Balad                                      97,030            2.56                           3
Kadima                                   78,974            2.08                           2

Die Koalition zu Beginn der Legislaturperiode bestand aus: Likud/Yisrael Beitenu + Yesh Atid + Habayit Hayehudi + Hatnua =  68/120 Sitze.


Sitzverteilung der 19. Knesset


Nach heftigen und lautstarken Auseinandersetzungen, im Eherecht würde man wohl von „unüberwindbaren Differenzen“ sprechen, entliess unser PM im Dezember zwei seiner Minister  (Yair Lapid und Tzipi Livni) und liess anschliessend die Knesset auflösen, um den Weg zu Neuwahlen freizumachen.

Erste Umfragen ergaben am vorgestrigen Mittwoch mögliche neue Konstellationen. Frei nach dem Motto: „Wenn heute Wahlen wären, wen würden Sie wählen?“ ergaben sich folgende Ergebnisse:

Kanal 10
Likud (Netanyahu) 23 Sitze
Das neue „Zionistische Lager“ 23 (Livni, Herzog /ehemals Hatnua, Awoda)
Yesh Atid  13  (Lapid) 
Vereinigte Arabische Liste 13
HaBayit HaJehudi 12 (Bennet)
Shas 7
Die neue Partei Kulanu 10 (Kahlon)
Israel Beitenu 5 (Liebermann)
Yachad 4 (Yishei)



Kanal 2
Zionistisches Lager 24
Likud 23
Vereinigte Arabische Liste 13
HaBayit HaJehudi 12
Yesh Atid 12
Kulanu 8
Israel Beitenu 4
Shas 4
Meretz 4
Yachad 4


Gestern Abend um 23 Uhr Israelzeit endete die Wahl für 6.250 Wähler aus dem Diplomatischen Dienst in aller Welt. Allein in New York waren 600 Menschen  wahlberechtigt. Leider können wir sie nicht fragen, wie sie abgestimmt haben, eine aller-, allererste vorsichtige Prognose wäre so vielleicht schon erkennbar.

Vielversprechend schauen diese Umfragewerte allemal nicht aus! 

Probieren wir doch mal ein erstes Spielchen. Wenn sich die Mitte-Links angesiedelten Parteien zusammenraufen, könnte das so aussehen: Zionistisches Lager + Yesh Atid + Meretz =  40.

Da fehlen noch 21 Sitze, um unangefochten den PM stellen zu können. Abgewunken haben (leider) die Araber, Yachad, Shas und Kulanu sind weit zu weit rechts, auch Liebermann wird wohl in der politischen Versenkung verschwinden.

Dass Bennet auf einmal vom Siedler zum Zionisten mutiert, darf nicht erwartet werden, oder wenn, dann sicher nur zu einem hohen Preis. Und rein zahlenmässig, nur zusammen mit den Arabern, ergäbe sich dann mit 65 Sitzen eine für Israel mehr als stabile Koalition.

Und, ich bin sicher, nach wie vor, es wäre machbar. Alle an einem Tisch: Zionisten, Araber, Siedler, wunderbar, ein Wahnsinnsprojekt.

Alle arbeiten gemeinsam an einer Vision „Wenn ihr wollt, ist es kein Traum!“ (Theodor Herzl) und „....Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten, die Heiligen Stätten unter seinen Schutz nehmen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben.“ (Aus der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel)


Ben Gurion beim Verlesen der Unabhängigkeitserklärung


Oder aber, die eigentlichen Wahlsieger verkaufen ihre Seele und gehen ein Bündnis mit Likud ein.....

Freitag, 27. Februar 2015

Ein neues Bijou für Zichron Yaacov – Hommage für Lily

ב"ה



In den späten 60er Jahren entstanden in Zichron Yaacov drei, wie man heute rückblickend sagen muss, weitaus überdimensionierte Hotelanlagen. Zwei davon, das ehemalige Havat HaBaron und das Ganei Carmel befinden an einer der prominentesten Lagen des Carmelgebirges mit Blick auf die Küste von Haifa bis zu den Türmen des Kraftwerkes in Hadera, das dritte, das ehemalige Eden Inn mit seiner Dependance, dem Shirat HaYam mit freiem Blick noch Norden in Richtung Schomron Ebene.

Während das Eden Inn sich mittlerweile zu einem bescheidenen Gruppenhotel entwickelt hat und das Havat HaBaron in Appartements aufgeteilt wurde, die an zahlungskräftige Interessenten verkauft werden, fand die wundersame Sanierung und Wiederauferstehung des Ganei Carmel weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit statt.

In den 90er Jahren erfolgte eine kosmetische Sanierung des Hauses. Gleichzeitig wurde ein Managementvertrag mit der damals höchst aktiven, mittlerweile aber aufgegebenen Hotelkette „Moriah Hotels“ abgeschlossen, die das Hotel bis zum Jahr 1999 betrieb.

Im Jahr 2003 wurde die Mivtachim Versicherung, die Eigentümerin des Hotels, ebenso wie einige andere Versicherungsträger, die der israelischen Gewerkschaft Histadrut gehörten, verstaatlicht.

Bis zum Jahr 2004 erlebte das Haus seine erste Glanzzeit als Erholungsheim für Kunden von Mivtachim. Bis zu 112 Gäste konnten einen, für damalige Verhältnisse komfortablen Urlaub dort genießen.

Mit dem Ende der Glanzzeit der israelischen Arbeiterpartei, dem Ende der einstigen zionistisch-bescheidenen Lebensart, den veränderten Urlaubsvorstellungen, und auch dem Zwang, sich der internationalen nach Israel drängenden Hotelkonkurrenz stellen zu müssen, kam das Aus für das Haus, das 1968 vom bekannten israelischen Architekten Jacob Rechter entworfen worden war.

Es wurde endgültig geschlossen und war fortan von einem Bauzaun von der Umwelt abgeschnitten. Das Haus stand ab diesem Zeitpunkt für einen erhofften Preis von 10 Millionen US$ zum Verkauf.

Ab 2006 umringten zahlreiche Baukräne das immer noch hinter dem Bauzaun verborgene Areal. Doch bis es soweit war, bis die Baukräne aufgestellt wurden, hatte es hinter verschlossenen Türen teilweise zähe Verhandlungen gegeben.

Lily Elstein, Witwe des Gründers des Pharmariesen Teva, kaufte den gesamten Komplex im Jahr 2005 für 20 Millionen US$. Sie hatte große Pläne und wollte sich ihre Lebensträume erfüllen.

Lily Elstein mit unserem Bürgermeister


Das alte, schmucklose Gebäude, ein typisches Beispiel des „Brutalismus“, der u. a. von Le Corbusier propagiert wurde, sollte einem modernen, fünf stöckigen  Gebäudekomplex weichen. Gleichzeitig würden moderne Musikhallen entstehen und eine Kunstgalerie installiert werden. Mit diesen Vorstellungen wandte sich Lily, wie die heute 82 Jahre junge Dame, von allen Mitarbeitern genannt wird, an den Gemeinderat, um die Baubewilligung zu erhalten. Das Projekt wurde durchaus gegensätzlich diskutiert und schließlich gab Lily nach.

 
Der Zimmertrakt  (Bild:Haaretz)

Im Jahr 2010 legte Amnon Rechter, der Sohn von Jacob Rechter einen neuen Bauplan vor, in dem sich alle Wünsche, Traditionen und Anforderungen der Moderne wiederfinden. Amnon Rechter ist zu Recht stolz: „Wir rekonstruieren alles entsprechend den Originalplänen. Wenn alles fertig ist, werden die Besucher des Hauses zunächst alles so sehen, wie es von meinem Vater gebaut wurde.“

Die weitläufige Anlage, sie umfasst mehr als 100 Dunam, ahmt wellenförmig den Hügelverlauf nach. Auch heute noch ist die für den damaligen Geschmack stehende nüchterne Bauweise erkennbar. Im Aussenbereich und auch in den öffentlichen Räumen wurde fast ausschließlich Sichtbeton verarbeitet, ergänzt durch teilweise mutige Glasstahlseil Konstruktionen. Große Fensterflächen lassen den unverstellten Blick auf das Mittelmeer und die Küstenlandschaft zu, grosszügig dimensionierte Terrassen erweitern die Restaurants, Bars und Konferenzräume fast auf das Doppelte ihrer Grundfläche.
 
Eine der zahlreichen Terrassen

Die gesamte Aussenfassade, inklusive den frei stehenden Trägerbalken, auf denen der eigentlich Zimmertrakt zu schweben scheint, blieb erhalten, alle Holzarbeiten wurden erneuert (leider vergaß man teilweise die Schutzbezüge zu entfernen, aber nun ja, das darf als Kinderkrankheit angesehen werden). Der Steinfußboden in den öffentlichen Bereichen, der von Farbe und Muster her entfernt an ein Giraffenfell erinnert wurde, blieb ebenso erhalten, wie die konsequente Verwendung von Sichtbeton im gesamten Innenbereich, inklusive der Restaurants und Bars. 

Lobby


Sogar in den Gästezimmern hat der Architekt eine gewagte Mischung zwischen Sichtbeton, schlicht weiß gestrichenen Wänden und Holzelementen gewagt. Aus zwei ehemals kleinen, heute nicht mehr verkaufbaren Zimmern wurde jeweils eines mit einer durchaus ansprechenden Grösse und mit der Besonderheit, dass jedes der 95 Zimmer über zwei Balkone verfügt. Durch die Zusammenlegung von zwei Zimmern zu einem gelang es den Innenarchitekten, 50 % der Gesamtfläche als reines Schlafzimmer mit dahinter liegendem begehbaren Schrank sowie Nasszelle (Dusche und WC jeweils abgetrennt, das Waschbecken ist offen) zu konzipieren und die anderen 50 % als Wohn- und Arbeitsbereich vorzusehen. Eine Espressomaschine und kostenloses WLAN vervollständigen das Angebot. Gemütlich werden die Zimmer durch farbenfrohe Wollteppiche auf den pflegeleichten Steinböden.

Standardzimmer (Bild: booking.com)

Standardzimmer (Bild: booking.com)

Im weitläufigen Gelände stehen noch einige „Villas“, zweistöckige Gebäude, die entweder als luxuriöse Duplex Appartements vermietet werden, oder als zwei unabhängig voneinander zu vermietende Einheiten gestaltet sind. Eine dieser „Villas“ hat Lily bezogen, sie zieht mittlerweile als gebürtige Zichronesin ein Leben an ihrem Heimatort dem luxuriösen Wohnen in Tel Aviv vor. Ein Immobilientycoon hat sich an ihrem Willen, der genau weiß, was er will, die Zähne ausgebissen: Er hatte ihr ein mehr als attraktives Angebot für die „Villas“ gemacht, um sie an seine finanzkräftigen Kunden zu verkaufen. Die Antwort auf das verlockende Angebot war ein klares „Nein“, alles, was innerhalb des Hotelareals lag, sollte auch Hotel bleiben.


Blick von der Lobby in den Innenhof

Sysiphos
Sysipha

Betritt man die Lobby, wird der Blick von einer gigantischen Figur gefangen: Sisyphos und sein erstaunlicherweise vorhandenes weibliches Gegenstück Sisypha stemmen sich gegen den Marmorblock. Der gewaltige Stein ist in der Mitte der Körper geteilt, der untere Teil ist weiß, der ober Rosafarben. Es gelingt kaum, den Blick abzuwenden und sich der bescheiden anmutenden Rezeption, in den meisten Hotels das Herzstück der Hotellobby, hier nur notwendiges Detail, zuzuwenden.

An der Lobby vorbei führt der Weg zu den beiden Musikhallen, dem „Cube“ und der „Elma Konzerthalle“. Diese wunderschöne, mit einer Klais Orgel ausgestattete Konzerthalle bietet für 400 Personen Platz, im kleineren „Cube“ sind es 150 Plätze, um den Konzerten zu lauschen. Open Air Konzerte bieten Platz für bis zu 600 Personen, kleinere Suiten im Hauptgebäude stehen für 30 – 80 Personen zur Verfügung.

Klais Orgel in der Elma Musik Halle

Ein weiteres Versprechen, das Lili gab, als sie das Projekt in Zichron Yaacov begann, war, neben dem Hotel und neben den Konzerten auch Künstlern, bekannten und unbekannten einen Raum zu geben.

Zwei Ausstellungen sind derzeit besonders prominent.

Im Erdgeschoss, wo der lange Verbindungsgang zwischen Foyer und Konzerthalle jede Menge Raum bietet, zieht eine grossformatige Fotoinstallation die Blicke auf sich. Die Bilder werden dominiert von einem einzigen Objekt. Eine Nachbildung jenes schwarzen Kleides, das die legendäre Hauptdarstellerin Hanna Rovina (1893 – 1980) während der Aufführung des „Dybbuk“ trug – sie spielte die Rolle im berühmten Habima Theater in Tel Aviv ab 1920 mehr als 40 Jahre, transformiert im Wasser des Toten Meeres vom schwarzen Taftkleid zum kristallin-weißen Brautkleid, vollkommen eingehüllt in Salz.

Hanna Rovina (Bild. Wikipedia)



Noch ist das Kleid erkennbar

Die Transformation beginnt


Das "Brautkleid aus Salz"  

Die zweite Ausstellung umfasst insgesamt fünf Bilder, die während der Umbauphase im und am Haus entstanden und die den Arbeitsfortschritt dokumentieren. Die Verbindung zwischen realistischen, fast grafischen Abbildungen und surrealistischen Elementen, aber auch die gelungenen Trompe-l’Oeil Sujets lassen den Betrachter unmittelbar am Geschehen teilhaben. 

Geordneter Abbruch, alles wird wieder verwertet


Detail des oberen Bildes
 
Neue Strukturen entstehen

Der Bezug zur Musik wird aufgenommen im Namen des Restaurants. Das „Oratorio“ liegt im ersten Stock des Hauptgebäudes. Es ist ein lichtdurchfluteter Raum, der die Helligkeit vom Sisyphos Innenhof erhält. Das harte Gefühl, das Sichtbeton, Glas und Metall vermitteln, wird hier gemildert durch den konsequenten Einsatz von Holz. Hochpolierte rotbraune Tische, bequeme weit ausladende Holzstühle, die lange, wiederum die Wellenform aufnehmende Bar, die Weinschränke……. Dazu grobe Textilien, die zusammen mit den hölzernen Besteckkästchen und den bereitstehenden Gläsern dem Gast das Gefühl geben, sich viel eher in einem gemütlichen Bistro zu befinden, als in einem Restaurant, das auf dem besten Weg ist, endlich auch die Lücke im gehobenen und koscheren Gastronomiebereich zu schließen, die bisher in Zichron klaffte.

Restauant "Oratorio"



Kaminlounge vor dem Restaurant



Das Spa ist derzeit noch nicht in Betrieb, steht aber kurz vor der Eröffnung.

Vervollständigt wird das insgesamt sehr positive Bild vom sehr jungen, sehr motivierten, wenn auch teilweise (noch) nicht professionell arbeitenden Team. Die fehlende Fachkenntnis machen sie allesamt mit einem strahlenden Lächeln wett und mit einer großen Portion an Hilfsbereitschaft und Charme.